Ja, Eltern müssen gute Multitasker sein, oder doch nicht?

Ich sag einfach mal an alle Eltern: „Legt gelassen mal die Füße hoch!” Doch ist es so einfach? Wenn der Alltag sich anfühlt wie eine Dauerwerbung und das Kinderzimmer wie ein Assessment-Center, ist es Zeit, einen Gang zurückzuschalten. Oder wie seht Ihr das? Mit Kindern ist das Leben eine Postkorbübung (Unter schwierigen Umständen viele Entscheidungen zu treffen). Oder sehe ich das nur so?

Wer schon einmal durch die Bewerbermühle eines Assessment-Centers gedreht wurde, weiß, was gemeint ist: Unter Zeitdruck, Beobachtung und trotz eingebauter Störungen muss ein übervoller Postkorb abgearbeitet werden. Da gilt es, Prioritäten zu setzen, Kreativität und Teamfähigkeit zu beweisen.Der Bewerber schwitzt, Mütter und Väter zucken aber nur mit den Schultern: Wer eine neunjährige und zwei pubertierende Vorgesetzte zu Hause hat, ist nichts anderes gewohnt und erledigt seine täglichen Kinder-Postkorb easypeasy. Meistens jedenfalls.

Die Kleine sucht dringend noch Ihre Bibi Blocksberg CD, die mittlere Tochter braucht dringend ihr neues T-Shirt – dass erst mal in die Wäsche muss, bevor Sie es anziehen kann, der Große  fragt nach seiner neuen Fahrkarte, denn es Monatsanfang, Ich müsste unbedingt duschen, bevor ich in einer halben Stunde meine kleine Vorgesetzte zur Kontrolluntersuchung zum Zahnarzt fahren muss. Zeitdruck und mögliche Prioritäten ohne Ende, allerdings weit und breit keiner, an den delegiert werden könnte. Spätestens jetzt bekommt der Jobbewerber von seinem fiktiven Postfach hässliche Flecken. Ich seufzte nur noch denke neidisch an meinen Mann, der mutmaßlich bestimmt gerade in der Kantine sitzt über seinem leckeren Essen.

 

Assessment-Centers-Kinderzimmer

Anwärter auf eine Stelle müssen für Personaler auch die Konstruktionsübung bewältigen: Zusammen mit anderen Bewerbern ist ein Objekt zu bauen, gerne mal ein Turm. Papa lächelt milde, Lego-Bausteine-Bauer ist sein zweiter Vorname. Kaum aus dem Büro daheim, baut er gleich mit seiner Tochter weiter. Assessment-Centers-Kinderzimmer. Ja, Eltern müssen gute Multitasker sein. Meist gelingt es uns, manchmal geht aber auch uns die Puste aus, dann fühlt sich das Leben sich an, wie für Bill Murray in „Täglich grüßt das Murmeltier“.

Jeden Abend spät ins Bett – da man ja noch den liegengebliebenen Haushalt macht, die morgendliche hetzte – dass das Kind fertig ist für die Schule, in den Schwimmunterricht, früher bin ich zur musikalische Früherziehung gefahren- heute zum Klavierunterricht  – das Kind soll schließlich keine Entwicklungschance verpassen. Es ist schon paradox: Wir Eltern leisten heute sehr viel, gehen bewusst um mit unserer Verantwortung, machen uns die Erziehung nicht leicht, wir versuchen, die Lust am Job und dem eigen Ehrgeiz nicht zu verlieren und auch unseren Kindern geht es gut. Ich finde, das emotionale Band zwischen Kindern und Eltern ist heute stärker denn je.

 

Nachholbedarf…

Trotzdem glauben wir Mütter und Väter, es immer noch besser machen zu müssen. Dabei haben wir womöglich bloß in einem Bereich tatsächlich Nachholbedarf … beim Lockerlassen, Runterkommen, Nichtstun. Denn Familie ist kein Assessment –Center, sie darf sich auch albern, lustig, unvernünftig anfühlen. Gute Vorbilder für unsere Kinder sind wir Erwachsene vor allem dann, wenn wir das zulassen … und nicht immer nur stöhnend To-do-Listen abarbeiten.

Denn wie können unsere Kinder vertrauensvoll in die Zukunft blicken, wenn sie lernen, dass der Alltag von uns Erwachsenen eine einzige Last und Anstrengung ist? Der Alltag ist schöner, wenn beides geht: Spaß am Lernen, Freude an der Leistung, aber auch am Faulenzen, Herumblödeln, Toben, Singen, Spielen und Träumen.

Tief Luft holen, durchatmen, Familie ist kein Leistungscamp für zukünftige Leistungsträger, sondern der Ort, an dem Kinder automatisch glücklich sind, einfach nur weil sie geleibt werden. Der Aufgabenberg im Eltern-Postkorb ist schon hoch genug: zehn bis zwölf Kindererkältungen im Jahr, nächtliche Lego-Attacken auf nackte Fußsohlen, Eifersuchtsanfälle der Kinder untereinander, Schulaufgaben – die mies gelaufen sind, Elternabende, Taxifahrer zu Sportvereine und, und, und …

Wo immer wir Mütter und Väter es uns leicht machen können, sollten wir das unbedingt tun. Eure Kinder werden jede Menge Spaß dabei haben. Oder wie seht Ihr das?

*Aus meinem Alltag*

15 Kommentare

  1. Hallo, ich würde gerne mal die Füße hochlegen. Aber da macht unser Kind momentan nicht mit. Seit einiger Zeit kämpfen wir mit den Schulnoten und die bei der Mehreren waren wir auch schon. Eine reine Baustelle und ich hab das Gefühl es kommt immer mehr dazu. Da hast du recht mit dem Satz “Der Aufgabenberg im Eltern-Postkorb ist schon hoch genug” und wie. Liebe Grüße Laura

  2. Hallo Tina,

    Dein Bericht deckt so viel an Überlegungsansätzen frei.
    Du hast so recht mit Deiner Aussage, doch gerade das locker, bzw. loslassen, fällt mir persönlich manchmal schwerer, wie ich mir eingestehen möchte. Aber, mittlerweile halte auch ich, ein ums andere mal Inne und begreife, dass nicht alles “perfekt” sein muss, sondern vielmehr die spaßigen Sachen wirklich prägend sind.

    Liebe Grüße,
    Claudia

  3. Das hast du wirklich schön geschrieben. Es ist so wahr. Wir machen und tun und denken, noch mehr wäre nötig. Aber ja, eigentlich sollten wir mal locker lassen. Ist aber nicht immer einfach. Ich habe solche und solche Tage 🙂
    Liebe Grüße

  4. Es ist zwar schon eine Weile bei mir her, stimmt aber trotz der langen Zeit dazwischen immer noch: Taxifahrer zur Disco und mitten in der Nacht abholen, schlaflose Nächte, wenn die Kinder krank waren, das Kind vom Telefon zerren, weil es mit der Freundin telefoniert, die es zum letzten mal vor 3 Minuten gesehen und in 30 Minuten wieder sehen wird…. Ich glaube, so sieht das in fast jeder Familie aus. Du hast das wunderbar geschrieben.
    Aber wenn es so abläuft, haben wir alles richtig gemacht und aus unseren Kindern ist etwas geworden.

    Liebe Grüße Sabine

    • Hallo Sabine, vielen leiben Dank für deine Worte. Ja so sieht es wahrscheinlich in jeder zweiten Familie aus. Ich denke auch, dass wir alles richtig gemacht habe, ich hoffe es doch. Lg Tina-Maria

  5. Ich stimme dir zu….bei uns ist es ähnlich, der Tag strickt durchstrukturiert, kommt was unvorhergesehenes Dazu, bricht bei mir Panik aus. Einfach mal die Beine hochlegen und Nixtun ist verlockend aber auch irgendwie kaum umsetzbar.LG Romy

    • Hallo, ohne Struktur geht es manchmal nicht. Aber in den Ferien da lege ich dann mal die Füße hoch, dass muss dann sein. Ansonsten würde ich es nicht überleben. Da kann dann alles auch mal liegen bleiben. Lg Tina-Maria

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